Der Sturm ist vorbei, die See um Helgoland hat sich beruhigt. Wir räumen schon mal die Sturmleinen weg, rollen die langen Landleinen wieder auf die Trommel.
Wir machen alles seeklar und laufen aus Richtung Cuxhaven. Beim Großsegelsetzen im Helgoländer Vorhafen verhakt sich das Großfall um die elektrische Winsch und demoliert sie ziemlich. Wir können sie soweit zurechtbiegen, dass wir sie nutzen können. Der Motor hat zum Glück nichts abbekommen. Shit happens!
Tschüss Helgoland – trotz heftigem Sturmwochenende war es eine gute Zeit auf der Insel. Aber jetzt geht’s Richtung Heimat.
In der Elbmündung kommt uns der erste Krabbenkutter entgegen.
Hier kommen neue Gäste für Helgoland: Fahrgastschiff Helgoland und Katamaran Holunder Jet.
Viel Verkehr in der Elbmündung
Die Kugelbake, das Wahrzeichen der Stadt Cuxhaven, ist ein aus Holz gebautes Seezeichen, ca. 29 m hoch. Sie stammt aus der Zeit nach 1945 und steht unter Denkmalschutz. Die erste Kugelbake wurde an dieser Stelle schon 1703 errichtet.
Wir wissen, dass ein Sturm kommt. Aber wir entscheiden uns, zu bleiben. Wir lieben Helgoland und sind gerne hier.
Wir nutzen die Sonnentage und spazieren rund ums Oberland.
Basstölpelkolonie im Mai (links) und im Oktober (rechts)
Ein einsamer Basstölpel ist noch da – Junior hat den Abflug verpasst. Ein Rabe inspiziert die verlassenen Brutplätze.
Das Gipfelkreuz auf Helgoland.
Der Leuchtturm ist selber nur 35 m hoch, das Laternenhaus ist aber 82 m über dem Meer und schickt in klaren Nächten sein Licht bis zu 28 Seemeilen weit hinaus in die Welt. Kennung: Blitz weiß 5 Sekunden.
St. Nicolai Kirche
Aber dann kommt Sturmtief ‘Detlef’ mit Orkanböen bis zu 10 Beaufort und viel Regen.
Ein bißchen mulmig war uns schon, als wir dann ganz alleine an der Pier liegen. Tochterboot Verena der DGzRS bringt einen Segler mit Ruderproblem rein.
Wir bereiten Heimkehr vor für den Sturm. Alle neun Fender und elf Festmacher sind ausgebracht, zwei davon oben auf der Pier an Land, weil der Wasserstand um 1,7 m steigen soll. Sicher ist sicher. In der ersten Sturmnacht kommt der Wind aus Süd-Ost und steht genau in die Hafeneinfahrt. Der Schwell ist erheblich und wir haben eine sehr unruhige Nacht. Morgens dreht er weiter nach Süden und es wird etwas friedlicher am Liegeplatz. Draußen sind bis zu 8 m See. Katamarane und Fahrgastschiffe fahren nicht mehr.
Nach drei Tagen: als wäre nichts gewesen. Laues Lüftchen und Sonnenschein. Das ist Helgoland!
Die Royalist läuft aus, sie segeln weiter nach Westen. Auch für uns das Zeichen, dass wir weiter wollen.
Nach einer Woche Ramsgate tut sich ein Wetterfenster auf und wir laufen aus. Ca. 320 Seemeilen liegen vor uns, wir rechnen mit 2,5 Tagen bis Helgoland. Das Wetter ist friedlich. Das bedeutet, zu wenig Wind, um nur zu segeln. Trotzdem setzen wir Klüver, Groß und Besan und lassen eine Maschine (am ersten Tag Olaf, später wechseln wir auf Jan) mitlaufen. Die am Anfang mitlaufende Tide schiebt uns voran, etwas Wind ist in den Segeln.
Auf dem Weg von Ramsgate nach Helgoland ist viel Schiffsverkehr. Wir halten uns sehr streng an die Regeln bezüglich der Verkehrstrennungsgebiete. Entweder fahren wir, wenn es möglich ist, außerhalb der sogenannten Fahrbahnen, oder innerhalb der vorgeschriebenen Fahrtrichtung am rechten Rand, um die Großschifffahrt nicht zu behindern. Das ist besonders nachts eine sichere Möglichkeit, keinen Gegenverkehr zu haben. Heimkehr ist das rote Dreieck links.
Es riecht lecker aus der Pantry, der Skipper macht Rührei. Immer ein gutes Zeichen, wir haben ordentlich Appetit nach der langen Nacht. Die aufgehende Sonne verschwindet gleich wieder in den Wolken. Trotzdem pelzen wir an Deck mit frischem Nordseewasser (18 Grad). Pelzen = mit der Pütz das Wasser an Deck holen und über den Pelz schütten. Herrlich. Was das X da oben bedeutet, wissen wir auch nicht.
Das Goldhähnchen will wohl auch nach Helgoland. Auf jeden Fall macht er erstmal eine Pause bei uns an Bord und überprüft auf dem Kartenplotter den Kurs.
Helgoland kommt in Sicht, leider sehr diesig. Wir laufen erstmal durch zur Bunkerstation und füllen den Tank wieder auf. Dann laufen wir in den Helgoländer Südhafen ein.
Neben uns in Ramsgate liegt ein Brigg-getakeltes Schulschiff namens Royalist. Sie gehört der Marinenahen Organisation Sea Cadets, die jungen Leuten die Seefahrt und das Segeln näher bringt. Die Brigg ist 34 m lang, hat einen Tiefgang von 3,25 m und 536 qm Segelfläche. Sie hat bis zu 22 Kadetten im Alter von 12 – 18 Jahren an Bord.
‘Ready ay ready’ ist ein traditioneller Ruf in der Seefahrt, insbesondere auf Segelschiffen. Er bedeutet, dass die Besatzung bereit ist, Segel zu setzen oder eine andere Aktion auszuführen. Ein Signal an den Kapitän oder Offizier, dass alles vorbereitet ist.
Schon am ersten Tag an Bord mussten die Mädchen und Jungs das Aufentern ins Rigg üben. Eine Freude, deren Begeisterung und Konzentration zu sehen.
Essen fassen durchs Bulleye.
Regen macht nichts, Bombenstimmung auf der Royalist. Am schönsten war der Tanz um den Großmast: Rain, rain go away, come again another day.
Brandung in der Hafeneinfahrt von Ramsgate. Deswegen laufen die Royalist und Heimkehr noch nicht aus.
Es tut sich ein Wetterfenster auf, um von Cowes weiterzusegeln nach Osten. Wir bereiten alles vor (auch Butterbrote for later) und laufen mittags aus. Die Leinen und Fender werden schnell verstaut. Die Tidenrechnung passt – die App ist wirklich klasse, wir müssen nicht mehr mit Reeds und Tabellen rechnen – und laufen mit 8,5 Knoten durch den Solent raus in den Englischen Kanal. Gegenüber der Isle of Wight sehen wir den Spinnaker Tower in Portsmouth.
Groß und Klüver sind gesetzt, leider ist später zu wenig Wind für uns zum Segeln, heute ist die Steuerbord-Maschine (= Olaf) dran.
Viel Schiffsverkehr im Solent: Containerschiffe, Autotransporter, Fähren, Luftkissenboote, Kriegsschiffe.
Ausfahrt vom Solent in den Englischen Kanal, vorbei am No Man’s Fort (links) und Horse Sand Fort (rechts).
Wir passieren Selsey Bill, nehmen die Abkürzung durch ein Flach, was aber durch zwei Tonnen gut markiert ist. Trotzdem ist hier wieder tüchtig Strom und wir schießen mit 9,8 Knoten durch die enge Stelle. Die Tonnen haben hier Namen. Die rote heißt Street und die grüne Boulder.
Die Sonne geht unter und wir laufen in die Nacht, vorbei am Beachy Head Lighthouse (rechts), von dem wir nur das Feuer sehen. Schade eigentlich, der ist so klassisch weiß-rot-weiß geringelt wie ein Fußballspielerbein. Und den Strich, der den westlichen zum östlichen Längengrad markiert, haben wir auch nicht gesehen 😉
Bedrückende Gedanken an Flüchtlingsboote, die hier vielleicht irgendwo den Kanal von Frankreich nach England queren, verdrängen wir. Die sind sicher nicht beleuchtet und auf dem Radar würden wir sie kaum erkennen. Rechts unten auf dem Radar ein Windpark.
Dungenes Lighthouse passieren wir im Morgengrauen und endlich geht die Sonne auf.
Vor Dover viel Fährverkehr und Dover Harbour Control fordert uns über Funk auf, eine Meile Abstand zu halten.
Hinter den Kreidefelsen von Dover ändern wir den Kurs nach Norden, passieren South Foreland Lighthouse. Wir machen einen Badestop und laufen bei fast Hochwasser ein nach Ramsgate. Prima Liegeplatz, gleich gegenüber liegt das Traineeship der Sea Cadets, die Royalist. Die Sonne scheint und wir freuen uns, wieder hier zu sein.
Der Skipper wollte an Land gehen über den neuen Fenderstep. Dabei ist die von uns montierte Leine durchgerissen. Er ist senkrecht runtergefallen, war ca. einen Meter unter Wasser, zwischen Schiff und Pier. Durch die dicke Kleidung hatte er sehr wenig Auftrieb, konnte aber von unter Wasser ein Fenderauge sehen, an dem er sich hochziehen konnte. Er hat an die Bordwand geklopft und die Maschinistin alarmiert. Sie ist sofort mit einem Tampen gekommen, hat ihm die Leine unter den Armen durch um die Brust geschlungen, auf der Klampe auf der Pier belegt und ihn so gesichert. Dann hat sie ein Auge, in das er mit einem Fuß treten konnte, an der Klampe befestigt. So konnte er sich hochstemmen, ein Bein auf die Pier bekommen und sich draufrollen.
Es war fast dunkel, der Strom im Medina River betrug etwa 2 Knoten. In diesem Teil der Marina war weit und breit kein Mensch, der hätte helfen können. Eine Notleiter war erst am hinteren Ende des Pontoons, viel zu weit entfernt.
Dieser Unfall hat uns mal wieder die Augen geöffnet, alles an Bord auf Sicherheit kritisch zu betrachten. Schon beim ersten Gedanken daran, ob der Tampen wohl stark genug ist, sollte man ihn austauschen. Wir reffen ja auch, wenn wir das erste Mal dran denken.
Aber sonst: all’s well on board.
Fenderstep – links die gerissene Leine, rechts die neue gelbe.
Die Red Funnel Line verkehrt zwischen Cowes und Southampton, bestimmt 20 x am Tag.
Mit der Crew der ANUK haben wir eine schöne Zeit in Cowes. Wochenlang sind wir hintereinander hergesegelt, endlich hat ein Treffen in der Shepards Marina geklappt.
Mit der Kettenfähre, der Floating Bridge, fahren wir über den Medina River nach East-Cowes. Hier ist es auch prima. Leider war das Osborne House, Landsitz von Königin Victoria und Ehemann Albert, wegen Sturm geschlossen. Dafür gab es dann ein leckeres Toastie-Sandwich bei Betty’s. Vor dem Classic Boat Museum (auch geschlossen) in den alten Hallen unter dem großen Hammerhead Crane von 1912 liegt der America’s Cup Racer Britannia.
Wir schippern quer über den Solent zur Isles of Wight. Strom und Wind kommen aus der richtigen Richtung und wir machen nach knapp 2 Stunden in Cowes in der Shepards Marina fest.
Mit den Fahrrädern sausen wir in die Stadt zum Kaffeetrinken. Schön wieder hier zu sein.
Fein geputzt die Kanonen vorm Royal Yacht Squadron im Cowes Castle. Der RYS wurde 1815 gegründet und gilt als der altehrwürdigste Yachtclub Großbritanniens.
Der Löwe bewacht die Egypt Esplanade und wir fahren mit den Fahrrädern einen tollen Weg entlang der Küste.